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7. Fachtagung für Psychologiedidaktik und Evaluation

Bericht über die Fachtagung

Kann man mit dem Thema Psychologiedidaktik und Evaluation genügend Leute für eine zweitägige Tagung interessieren? Man kann! Gibt es doch zahlreiche Psychologen und Psychologinnen, die Psychologie in verschiedensten Einrichtungen unterrichten – in Schulen, Hochschulen, Betrieben und in der Verwaltung. Sie machen sich Gedanken über didaktische Konzepte, methodische Vorgehensweisen und die Evaluation ihres Unterrichts. Und da es in der BRD nur wenige Veranstaltungen und Veröffentlichungen zu dem genannten Thema gibt, hat sich die von der Sektion AFW durchgeführte Veranstaltung zu dem Forum in der BRD entwickelt, wo Psychologielehrende sich über die Vermittlung psychologischer Inhalte informieren und austauschen.

Am 2. und 3. Mai fand – dem bisherigen 2-Jahres-Rhythmus folgend – in den Räumen der J.W.Goethe-Universität, Frankfurt/Main die nunmehr siebte Fachtagung für Psychologiedidaktik und Evaluation statt. Dabei ist von Mal zu Mal die Teilnehmerzahl gewachsen. In diesem Jahr kamen 80 Kolleginnen und Kollegen, vorgestellt und diskutiert wurden 36 Beiträge. Erfreulich ist dabei die starke Präsenz jüngerer Kollegen und Kolleginnen. Schwerpunkte waren in diesem Jahr:

  1. Psychologieunterricht in Lehramtstudiengängen, in der Lehrerfortbildung und der Medizinerausbildung
  2. Evaluationsstudien und Vergleiche zwischen methodischen Vorgehensweisen und Adressatengruppen
  3. Selbstorganisiertes Lernen und Computereinsatz (E-learning, blended learning) bei der Vermittlung psychologischer Inhalte

Daneben gab es aber auch zahlreiche spezielle Beiträge, z. B. zum EuroPsy-Zertifikat, zur Studierendenauswahl, zu Unterrichtszielen, zur öffentlichen Beurteilung der Lehrkompetenz im Internet und zum Konzept der geplanten Berliner Hochschule für Psychologie.

Am ersten Abend der Tagung fand eine Feierstunde für Siegfried Preiser, Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Frankfurt/Main anlässlich seines 65. Geburtstags statt. Sie stand unter dem Motto „Psychologie für die Praxis“. Ein gleichnamiges Buch, das Siegfried Preiser gewidmet ist, ist zeitgleich erschienen. Überraschungsgäste waren unter anderem die Professoren Frindte und Schneewind, die den Jubilar würdigten.

Anschließend trafen sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung zum geselligen Beisammensein im Restaurant Siesmayer im Palmengarten, wo ein reger Gedankenaustausch stattfand und viele neue Kontakte geknüpft wurden.

Die Fachtagung endete am Abend des 3.5. mit einem Ausblick auf die geplante Veröffentlichung der Beiträge in einem Buch und mehrfachem Dank: Er richtete sich an alle Vortragenden, die sich diszipliniert dem strengen Zeitreglement unterworfen hatten und ganz besonders an Kerstin Brusdeylins, Siegfried Preiser und Michael Krämer von der Sektion AFW für die arbeitsintensive Vorbereitung und den perfekten Ablauf der Tagung.

Aus der Fülle der Beiträge seien vier kurz vorgestellt:

Ökonomisch anwendbare Wissenstests für teilnehmerreiche Psychologie-Lehrveranstaltungen
In den Lehramtstudiengängen haben Psychologie-Lehrveranstaltungen oft wesentlich mehr Teilnehmer als im Hauptfach, das durch einen Numerus clausus reguliert wird. Die Umstellung auf das Bachelor-Master-System erfordert darüber hinaus, dass öfter studienbegleitende Prüfungen abgenommen werden müssen als in der früheren Studienorganisation. Dutke und Barenberg sind deshalb dazu übergegangen, Wissenstests zu entwickeln, die sich auch in großen Veranstaltungen ökonomisch einsetzen lassen. Die Tests bestehen aus lernzielbezogenen Aussagen, die von den Prüflingen als zutreffend oder unzutreffend erkannt werden müssen (stimmt – stimmt nicht). Zusätzlich muss jedes Urteil hinsichtlich des Vertrauens in seine Richtigkeit eingeschätzt werden (sicher vs. unsicher). Eine erste Evaluation zeigt, dass (a) sich die Werteverteilungen informierter Stichproben hinreichend von Zufallsverteilungen unterscheiden, (b) die Leistungswerte änderungssensitiv gegenüber Lern- und Übungsprozessen sind und (c) die Leistungswerte hinreichend hoch mit komplexeren Leistungen wie etwa in frei zu beantwortenden Klausuraufgaben in der gleichen Lehrveranstaltung korrelieren. Zu den praktischen Vorteilen der Methode zählen die schnelle Generierung neuer Tests, insbesondere in Parallelformen, sowie die automatisierbare Auswertung, die eine schnelle Rückmeldung der Leistungsergebnisse an die Lernenden erlaubt, auch mehrfach während des Semesters. Zudem wird erwartet, dass die metakognitive Bewusstheit der Sicherheit bzw. Unsicherheit des eigenen Wissens dadurch gefördert wird, dass jedes Ja-Nein Urteil auch eine Einschätzung der Urteilskonfidenz ist (Dutke, S., Barenberg, J., Münster):

Förderung epistemologischer Überzeugungen zu sozialwissenschaftlichen Methoden bei Lehramtstudierenden
Epistemologische Überzeugungen nehmen bei dem Erwerb von Kompetenzen innerhalb einer Disziplin eine wesentliche Rolle ein. Insbesondere für Studierende in Fächern, welche keine zentrale Ausbildung in sozialwissenschaftlichen Methoden besitzen, ist es schwierig, die „Kultur“ der Psychologie zu vermitteln. Die Schnittstelle zwischen Lehramt und pädagogisch-psychologischer Lehr-Lernforschung ist hier von zentraler Bedeutung, da Lehrer und Lehrerinnen u.a. in der Lage sein sollten, ihren Unterricht systematisch zu evaluieren. An der Uni Salzburg wurden verschiedene Zugänge zu sozialwissenschaftlichen Methoden entwickelt. Es zeigte sich, dass die ausschließliche Methodenausbildung nur zu einem unzureichenden Transfer hinsichtlich des Bedarfs von Lehrerinnen und Lehrern führt. Deshalb wurde ein Konzept entwickelt, dass ähnlich den empirischen Praktika im Hauptfach Psychologie Lehramtstudierende systematisch an die Kultur der quantitativen Lehr-Lernforschung unter Einbezug der Theoriebildung, Operationalisierung, Versuchsdurchführung Auswertung, Interpretation und Erstellung publizierbarer Manuskripte heranführt. Auf diese Weise wird ein tieferes Verständnis für die Erkenntnistheorie der Psychologie geschaffen. (Zumbach, J., Haider, K., Moser, S., Salzburg)

Lernziele im Psychologieunterricht
Lernziele des Psychologieunterrichts werden grob vernachlässigt. Ein Symptom ihrer mangelnden Beachtung ist, dass sich bisher die Curricula und Lehrmittel unabhängig von den Adressaten des Unterrichts formal und inhaltlich ähneln, und dass zu oft Trägheit des Wissens die Folge ist. Lernziele sollten jedoch sowohl bei der Entwicklung von Curricula als auch bei der Ausgestaltung von Lehrveranstaltungen – von der Grobplanung bis hin zur Formulierung  einzelner Lernaufgaben und der Gestaltung von Leistungsnachweisen – zentrale Bedeutung einnehmen. Anhand von Beispielen wird aufgezeigt, dass Psychologie nicht die gleiche ist, je nachdem, wem, zu welchem Zweck und in welchem Kontext sie vermittelt werden soll. Die Unterscheide liegen weniger in den Inhalten als vielmehr in den Lernzielen. Von der gewählten Lernzielebene ist abhängig, wie die Ressource Lernzeit eingesetzt werden muss und welche Unterrichtsmedien, Lernaufgaben und Prüfungsarrangements passend sind. (Ruthemann, U., Luzern)

Psychologinnen und Psychologen im System Schule
Psychologische Expertise ist im System Schule auf unterschiedlichen Ebenen und für unterschiedliche Zielgruppen von hoher Relevanz. Das Spektrum reicht von der Lehr-Lern- und Schulleistungsforschung, der Psychologielehre für künftige Lehrerinnen und Lehrer bis hin zu beratender und therapeutischer Tätigkeit für Schülerinnen und Schüler sowie das schulische Personal. Mit der Erhöhung der schulischen Eigenverantwortung gewinnen zudem arbeits- und organisationspsychologische Kompetenzen sowie forschungsmethodische Kompetenzen für die interne und externe Evaluation an Bedeutung. Ausgehend von der Berliner Schulsituation wird eine Systematik psychologischer Tätigkeitsbereiche im System Schule entwickelt. Beschäftigungsformen, Konkurrenz zu anderen Berufsgruppen und die Zugänglichkeit des Berufsfeldes für Psychologinnen und Psychologen werden erkundet. (Ulber, D., Berlin)

Dr. Gislinde Bovet